Littleton, Erfurt, Emsdetten: Amokläufe oder School Shootings? (Teil 2)
von Julia Schmeichel

Inwiefern treffen die herausgearbeiteten Merkmale des Amoklaufs nun auf Vorfälle wie in Littleton, Erfurt und Emsdetten zu oder verfehlen sie? Finden sich unter ihnen impulsiv-raptusartige Taten und Täter, die durchschnittlich 34,8 12 Jahre alt sind?
Mehr noch als der Forschungsstand zum Thema Amok ist die Forschungslage hinsichtlich zielgerichteter Mehrfachtötungen durch Jugendliche an Schulen als defizitär zu kennzeichnen. Bannenberg stellt somit fest, dass empirische Studien in diesem Bereich weitgehend fehlen würden.[20] Es ist zu vermuten, dass die Gründe für die unbefriedigende Erforschung zielgerichteter Mehrfachtötungen durch Jugendliche an Schulen darin liegen, dass das Phänomen eine niedrigere Prävalenzrate als die des Amoks aufweist und dass die Tötungsform eine relativ neue Form der Gewalt darstellt, die erst seit den 1990er Jahren eine grössere Ausbreitung gefunden hat. Dementsprechend ereignete sich die erste Mehrfachtötung eines Jugendlichen an einer Schule am 30. Dezember 1974 in der Olean High School in New York.[21] Der damals 17-jährige Anthony Barbaro begibt sich an diesem Tag mit zwei Schusswaffen und selbst gebastelte Bomben in die Schule, die wegen der Weihnachtsferien geschlossen ist. Er erschiesst drei Personen und verletzt elf weitere. Vor Prozessbeginn erhängt er sich in seiner Gefängniszelle.[22]"Während in den ersten zehn Jahren seit dieser Tat "nur" insgesamt neun School Shootings auftraten, waren es in den vergangenen zehn Jahren ganze 66 (gemessen bis zum 1.1.2007)."[23]


Aufgrund der niedrigen Prävalenzrate von zielgerichteten Mehrfachtötungen durch Jugendliche an Schulen sind die vorhandenen Studien zu diesem Thema gezwungen, mit Einzelfallstudien oder kleinen Stichprobengrössen zu arbeiten. So untersucht der US-Secret Service zusammen mit dem Department of Education siebenunddreissig Vorfälle in Schulen, an denen einundvierzig Täter beteiligt waren[24], während der National Research Council versucht, sich dem Phänomen mit sechs Einzelfallstudien zu nähern.[25] Ausführlicher als andere quantitative Studien arbeitet Robertz [26], da er in seine Untersuchung Vorfälle einbezieht, die ausserhalb des amerikanischen Raums stattgefunden haben. Die fünfundsiebzig Fälle zielgerichteter Mehrfachtötungen durch Jugendliche an Schulen, die Robertz in seiner Studie auswertet, sollen an dieser Stelle Grundlage für die Eingrenzung der Vorfälle sein, wie sie in Erfurt und Emsdetten stattgefunden haben.

Zielgerichtete Mehrfachtötungen durch Jugendliche an Schulen treten in staatlichen Bildungseinrichtungen wie Universitäten und Schulen auf und werden fast ausschliesslich von männlichen Jugendlichen (95%) begangen, die im Durchschnitt 15,6 Jahre alt sind. Die Täter sind (ehemalige bzw. suspendierte) Schüler oder Studenten, "die gewisse negative Assoziationen mit der Bildungseinrichtung verbinden" [27] und ihre Taten in dem meisten Fällen alleine durchführen (97%). Die Latenzzeit beträgt bei zielgerichteten Mehrfachtötungen durch Jugendliche an Schulen mehrere Monate oder Jahre, so dass von einer "lange[n] prädeliktische Beschäftigung mit der Tat" [28] ausgegangen werden kann. So äusserte Dylan Klebold anderthalb Jahre vor der Tat "den Wunsch, eine Waffe zu erstehen und einen Amoklauf zu beginnen."[29] Die Täter töten dabei durchschnittlich 1,3 Personen und verletzten 3,1 weitere. Vorfälle wie in Erfurt oder Littleton, die mehr als fünf Tote erforderten, können somit in Hinsicht auf ihre Opferanzahl als atypisch gekennzeichnet werden. Die Opfer sind in 33% der Fälle ausschliesslich Schüler, in 33% Schüler als auch Schulpersonal und in 33% der Taten ausschliesslich Schulpersonal. Als Waffen nutzen die Jugendlichen Schusswaffen (88%), Klingenwaffen, Schlagwaffen und/oder Spreng-/Brandstoffe (12%).

Die Taten finden schliesslich ihr Ende darin, dass die Täter festgenommen werden (80%) oder dass sie Suizid begehen (20%).[30]
Zielgerichtete Mehrfachtötungen durch Jugendliche an Schulen können dementsprechend als "Tötung(-sversuch) durch Jugendliche an Schulen verstanden werden, die mit einem direkten und zielgerichteten Bezug zu der jeweiligen Schule durchgeführt werden."[31] Sie sind insofern von Amokläufen zu unterscheiden, als dass sie eine Latenzzeit von einem Monat überschreiten, durchgängig in staatlichen Bildungseinrichtungen auftreten und von Jugendlichen begangen werden, die durchschnittlich 15,6 und nicht 34,8 12 Jahre alt sind. Weiterhin fällt auf, dass die jugendlichen Täter durchschnittlich weniger Personen töten und verletzen als Amokläufer (Differenz von 4 Toten und 1,6 Verletzten) und in grösserem Masse ihnen fremde Personen verletzen und/oder töten als dies Amokläufer tun, deren Opfer in 72% der Fälle Bekannte und/oder Familienmitglieder sind.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass ein Vergleich von Amokläufen und zielgerichteten Mehrfachtötungen durch Jugendliche an Schulen deutlich macht, dass Vorfälle, wie sie in Littleton, Erfurt und Emsdetten stattgefunden haben, nicht als Amokläufe bezeichnet werden können, da sie sich von diesen in der Latenzzeit, dem Alter der Täter, der Ürtlichkeit, der Opferzahl und der Täter-Opfer-Beziehung unterscheiden. Es wird deswegen dafür plädiert, für zielgerichtete Mehrfachtötungen durch Jugendliche an Schulen den Begriff des School Shootings zu verwenden.



[20]http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Einrichtungen/Pressestelle/dokumente/BI_research/30_2007/Seiten%20
aus%20Forschungsmagazin_1_07_36_40.pdf, 27.02.2008, 19:25.
[21]Vgl. Robertz, Frank J., Der Riss in der Tafel. Amoklauf und schwere Gewalt in der Schule, Heidelberg 2007, S. 13.
[22]Vgl. http://www.knowgangs.com/school_resources/timeline/1970_1979/2.php, 28.02.2008, 13:59.
[23]Robertz, Der Riss in der Tafel, S. 13.
[24]Vgl. http://www.secretservice.gov/ntac/ssi_final_report.pdf, 28.02.2008, 14:57.
[25]Vgl. Moore, Mark Harrison (Hrsg.), Deadly lessons. Understanding lethal school violence, Washington 2003, auch einsehbar unter http://www.nap.edu/openbook.php?isbn=0309084121, 28.02.2008, 16:59.
[26]Vgl. Robertz, School Shootings.
[27]http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/wiki/index.php/School_Shooting, 28.02.2008, 21:29.
[28]Robertz, School Shootings.
[29]Robertz, Frank J., Zur Genese todbringender Phantasien. Neue Erkenntnisse zum School Shooting von Columbine, in: Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 13 (2006), Heft 3, S. 66.
[30]Vgl. Robert, School Shootings, S. 75-81.
[31]Robertz, Der Riss in der Tafel, S. 10.